Martín Daiber, Sebastian Gögel
und Thomas Moecker:
Neues Haus Neue Welt
13. Januar—3. März 2018

Die Schau will nicht bescheiden sein.
Der Titel beruft sich – bekennend – auf die Monographie »Neues Haus Neue Welt«. Der Architekt Erich Mendelsohn hatte seine Villa, das Landhaus Am Rupenhorn Nr. 6 – am Stößensee, zwischen dem Berliner Westend und Grunewald, erbaut 1928/29 – zu einer Ikone der Moderne stilisiert. Ende der 20er Jahre gemeinsam mit Malern und Bildhauern geplant und gebaut, zitiert es Kubismus und Bauhaus, vor allem aber ein spezifisches Ungenügen an der Gegenwart, indem es sie herausfordert. Die Buchdokumentation dieses Bauwerks ist 1932 nicht nur Mendelsohns Manifest, sie feiert eine »Neue Welt« und die hat wenig Funktionales; es ist die Vision eines Künstlers.

Die Reformgedanken der Architekten und des liberalen Bauherrn betonten das naturnahe Leben in der Verbindung von Innen- und Außenbereichen, gleitende Übergänge wie versenkbare Fenster und einiges mehr. Vor allem aber definiert sich jeder Raum im Haus zuerst über ein eigens dafür vorgesehenes Kunstwerk [u.a. von Lyonel Feininger, Amédée Ozenfant und Ewald Mataré].

Von diesen Werken aus werden die Farbgebung der Wände, Form und Charakter des Mobiliars, die Art des Blumenschmucks, werden Teppiche und Geschirr entworfen und wird die Lichtführung inszeniert. Selbst die den Werken implizite Ruhe oder Bewegung ist in die Räume übertragen und schließlich geben sie das thematische Geleit für Zusammenkünfte und Beschäftigungen. 

Kunst kommt zuerst. 
Das Selbstbewusstsein des über 90 Jahre alten Statements von »Neues Haus Neue Welt« ist eine Steilvorlage für Martín Daiber, Sebastian Gögel und Thomas Moecker und die Impulse, die aus diesen Buchseiten in die aktuelle Schau greifen, sind durchaus Bekenntnisse.

Bei aller Spannung, die zwischen den drei Positionen, den Genres, den Temperamenten und Medien besteht und die die Präsentation auch beweglich macht, verbinden sich die Ambitionen unbescheiden zu grundsätzlichen Fragen – etwa nach der Selbstbestimmung und dem Ort – ist es Privileg oder Achillesferse, Gesellschaft vom äußeren, vom oberen Rand zu verhandeln? Nach dem sachlichen Wert und dem ideellen Mehrwert von Kunst: irrationales Maß für ideelles Gut? Nach ihrem guten Gewissen; sollte sich Kunst als poetische Variante von Politik und Philosophie artikulieren? Ist die Idee der Perfektion gut – und ist sie zwingend nicht-funktional? Wie berechnend ist der Künstler oder wie viel Berechnung verträgt ein Werk, oder sollte es viel mehr sich selbst, besser noch seinen Schöpfer überraschen? Und wer herrscht über den Sinngehalt – oder holt sich das Bild die Deutungshoheit zurück, etwa von der Erwartung eines Betrachters?

Da ist das alte, rhythmisch epochale Muster; die Zeiten, die sich selbst lästig, die apathisch und ängstlich sind, steigern die Selbstreflexion, kultivieren den spätromantischen Überdruss und sie neigen zum Wegträumen in andere Welten – oder zu grundsätzlichen Veränderungen. Dieses Bewusstsein – so oder so – findet seinen Ausdruck zuerst in einer neuen Formsprache. Und hier breitet sich ein Spannungsfeld aus, vom Haus am Rupenhorn Nr. 6 von 1928 über ....[Otto Dix, George Grosz] bis zur Schau mit Arbeiten von Martín Daiber, Thomas Moecker und Sebastian Gögel von 2018.

So gelesen betritt man fast eine Kunstausstellung mit musealem Anspruch.
Und das ist schon wieder ein Machtgestus – doch gleichzeitig hat er den wunderbaren Schwebezustand von Bestandsaufnahmen zwischen Abgetanem und Kommendem – mit den so auffällig verschwiegenen Zukunftsperspektiven.
—Von Tina Simon 

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Dr. phil. Tina Simon
Autorin und Publizistin, Leipzig 


Martín Daiber *1979 in Santiago de Chile, lebt und arbeitet in Santiago de Chile
2003 BA Fine Arts, Universidad Católica de Chile
2016 LIA [Leipzig International Art Programme]
2009 Drehbuch, Regie und Kamera für den Spielfilm Travesía, Valencia, Spanien
Kurator der Ausstellung Solsticio 2009 im TPK, Valencia
2005 Drehbuch, Regie und Kamera für den Spielfilm El Beisbolista, Santiago, Chile
Zahlreiche Ausstellungen in Chile, Spanien, Portugal und Deutschland

Sebastian Gögel *1978 in Sonneberg, lebt und arbeitet in Leipzig
1997-2002 Studium Malerei/ Grafik, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
2002 Diplom / 2002-2005 Meisterschüler bei Prof. Sighard Gille
2010 Ankauf der Kulturstiftung des Freistaat Sachsen
2009 Arbeitsstipendium der Kulturstiftung des Freistaat Sachsen
2007 Preisträger der 14. Leipziger Jahresausstellung
Zahlreiche Ausstellungen in Europa und Ausstellungen in den USA

Thomas Moecker *1967 in Magdeburg, lebt und arbeitet in Leipzig
1998-2003 Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig
2006 Meisterschüler bei Prof. Bosslet an der Hochschule für Bildende Künste, Dresden
2010 Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds Bonn  /2009 Arbeitsstipendium der Kulturstiftung Sachsen / Preisträger Leipziger Jahresausstellung /2006-2007 Artist in residence, Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank, Frankfurt/Main /2004 Stipendium DAAD | San Francisco, USA /2001-2003 büro spors–contemporary art, Berlin /2000-2003 Stipendium Rosa-Luxemburg-Stiftung  /Zahlreiche Ausstellungen in Europa und Ausstellungen in den USA

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