Verena Landau

Ensemble
Leipzig, Herbst 2007: Am Brühl, der einst bedeutsamen Handelsstraße am Kreuzungspunkt von Via Regia und Via Imperii, reißen Bagger ein Denkmal nieder. Es handelt sich um drei zehngeschossige Wohnscheiben, errichtet zwischen 1966 und 1968. Erhaltenswert erschien dieses ostmoderne Ensemble aus mannigfachem Grund. Etwa, weil es kühn mit gewachsener Struktur brach und sich dennoch funktional eingliederte. Technisch setzte es Maßstäbe: Erstmals fand eine Plattenbauweise mit fünf Tonnen schweren Elementen Anwendung. Das Ensemble vereinte Wohnen, Einkaufen und Kultur. Es entstand im Rahmen eines Plans für den Aufbau der Innenstadt und sollte sozialistische Baugeschichte schreiben. Radikal arbeiteten die Architekten an einer »optimistischen Zukunftsvision«. Dass es sich um Repräsentationsarchitektur handelte, machten weithin sichtbare Leuchtschriften deutlich. Das sächsische Denkmalschutzgesetz besagt: »Kulturdenkmale […] sind vom Menschen geschaffene Sachen […], deren Erhaltung wegen ihrer geschichtlichen, künstlerischen, wissenschaftlichen, städtebaulichen oder landschaftsgestalterischen Bedeutung im öffentlichen Interesse liegt«. Dies stand bei den Wohnscheiben nahezu außer Zweifel. Allerdings besaßen sie sperrige Schönheit. Auch Verena Landau nahm das Ensemble zunächst als abstoßend wahr. Dass sie es zum Sujet erhob, erklärt die Malerin durch die »veränderte öffentliche Wahrnehmung des Ortes, mit der eine Veränderung meiner eigenen Wahrnehmung einherging«.

Auf Basis dokumentarischer Fotografie aus dem Archiv und eigenem Material arbeitet Landau den repräsentativen Charakter des Areals heraus. Als Wandinstallation ergeben die in unterschiedlichen Formaten und Techniken realisierten Malereien ein »ensemble«, das ein Nebeneinander zeitlicher Ebenen ermöglicht und Fragen evoziert: Handelt es sich um einen Nicht-Ort oder einen identitätsstiftenden? Wie werden Orte zu Nicht-Orten? Was macht die Qualität eines Ortes aus? Wie entsteht sozialer Raum? Ist dessen Zerstörung darstellbar?
Von Hendrik Pupat

In: Verena Landau, Passages, Passengers, Places, Hirmer Verlag München, 2013, S. 76
Quelle [überarbeiteter Auszug]: Thomas Klemm und Kathleen Schröter [Hg.], Die Gegenwart des Vergangenen. Strategien im Umgang mit sozialistischer Repräsentationsarchitektur [Ausst.-Kat. Leipziger Kreis. Forum für Wissenschaft und Kunst, Tapetenwerk Leipzig], Leipzig 2007

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Hendrik Pupat
Kulturjournalist
Lebt und arbeitet in Leipzig

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