Wolfgang Ellenrieder: Kiosk des Glücks /Lubok
9. September—7. Oktober 2017

Josef Filipp und Lubok Verlag zeigen:
Arbeiten aus dem »Kiosk des Glücks« und das aktuelle Künstlerbuch »Kiosk des Glücks«

Wolfgang Ellenrieder inszeniert seine Installation »Kiosk des Glücks« als umgreifendes Raumkonzept. Er kombiniert unterschiedliche Oberflächen miteinander, die häufig nicht sofort preisgeben was sie wirklich sind: Strukturdrucke, die hochwertige Materialien simulieren, Holzschnitte, die auf der Grundlage von Gebäudeelementen vor Ort entstanden sind und dreidimensionale »Farbobjekte«, die auf vorhandene Architekturelemente Bezug nehmen oder den Raum fiktiv erweitern. Der »Kiosk des Glücks« ist ein Ort, der die Bezüge zwischen Malerei und Raum, Original und Abbildung untersucht. Seine Oberflächen dienen als Projektionsfläche von Wünschen und Fragen nach tatsächlichen und scheinbaren Werten.

»Kiosk des Glücks – Wolfgang Ellenrieder«, Künstlerbuch, Lubok Verlag, 2017
Katalog mit 37 farbigen und 13 schwarz-weißen im Offsetdruck, gestaltet von Susann Dietrich mit Texten von Steffen Kopetzky und Reinhard Spieler /Broschur, 80 Seiten, 24 x 31,2 cm, Auflage 500
Dem Katalog liegt ein Zine bei. Risodruck, 36 Seiten, 19 x 27,7 cm.
ISBN 978-3-945111-33-8

Herausgegeben anlässlich der Einzelausstellung »Kiosk des Glücks« in der Städtischen Galerie Kubus, Hannover und der Galerie vom Zufall und vom Glück von Dezember 2016 bis Februar 2017.
Lubok Verlag | Floßplatz 8 | D-04107 Leipzig | +49 (0) 341 999 98 90 | info@lubok.de

Wolfgang Ellenrieder, geboren 1959 in München, studierte 1981–1988 an der Akademie der Bildenden Künste in München. Seit 2010 ist er Professor an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Seine zahlreichen Einzelausstellungen in Europa und den USA wurden meist mit einer Publikation begleitet. Mit seinen Arbeiten ist er in renommierten internationalen Sammlungen vertreten. Für 2018/19 erhielt er das Villa Massimo Stipendium in Rom. Dies ist die höchste Auszeichnung die von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien an Künstler vergeben wird.
//Bereits 1998 zeigte Wolfgang Ellenrieder mit »Grün« eine Einzelausstellung in Leipzig im Kunstverein Leipzig, kuratiert von Josef Filipp.



Der Kiosk ist ein Gleichmacher. Von Tina Simon
Am Fenstertresen sind die eilenden Wichtigen und die wegelagernden Taugenichtse nicht zu unterscheiden. Ihre Bedürftigkeit macht sie gemein; Tabak, Koffein, Information, Nikotin, Zucker, Chips – die legalen Glücksbazillen rund um die Uhr im Angebot, ist der Kiosk ein Mikro-Discounter für schnellen Trost und kleines Glück - unwiderstandene Versuchungen und Ausreden gegen nächtliche Einsamkeit und Voyeurismus macht alle Grau und die Erfüllung der kleinen Wünsche zu den entlegensten Stunden des Tages macht das Banale zur Verheißung.

Wolfgang Ellenrieders komplexe Rauminstallation »Kiosk des Glücks« arbeitet visuell und metaphorisch mit diesen Verschiebungen der Wertigkeit. Formal, technisch und thematisch geraten Wahrnehmung und Illusion aneinander, ineinander und in ein Wechselspiel. Im Zentrum der Schau steht der Kiosk. Das räumliche Gebilde, das Büdchen, ist verschlossen. Kompaktes Symbol seiner selbst, weist es mit allen Versprechungen und Widersprüchen über sich hinaus.

Übertragen in die Polaritäten von Schein und Sein, von Fläche und Raum, Farbe und Form, fotografisch erfasste - und malerisch ausgeführte Flächen, Echtheit und Täuschung, hebt Ellenrieder alle Verbindlichkeiten auf und löst ein Verwirrspiel aus. Alles ganz anders. Beim Betrachten der ergänzenden Werke im Raum setzt sich die Strategie fort; Abstraktes und Konkretes sind untrennbar aufeinander bezogen. Natur-Details sind durchsetzt von geometrischen und grafischen Eingriffen, statisch schlüssige Aufbauten sind durchkreuzt von sinnfreien Kombinationen und Werkstoffen.

Die Architekturelemente mit willkürlich collagierten Oberflächen aus minderwertigen Materialien, Pressspanplatten, Kiefernholzleisten, Kunststoffverkleidungen und Pappe aus Recyclingmaterial muten an wie eine neo arte povera, doch auch das wendet Ellenrieder ins Gegenteil: der scharfe Blick erkennt aus der Nähe anstelle der Materialreste ein hochwertig gedrucktes, fotografisches Abbild, aufwändig digitalisiert, perfekt hergestellt in irritierender Vergrößerung. Aus dem Unterlaufen der Wertigkeit wird ein Übertreffen. Und so erweist sich mancher chaotische, mehrschichtige Aufbau als Bildnis seiner selbst – zweidimensional flach, samt Oberflächenstruktur und Schatten. Die zudringliche Haptik von Wellpappe im XXL Format gibt es nicht wirklich. Gescannt und gedruckt ist das Faltwerk glatt wie eine Hochglanzfotografie.

Fläche und Raum sind intensiv ineinander verschränkt, Ellenrieder selbst spricht von „Hybriden“ zwischen Malerei, Druck und Skulptur und betont den Übergangs-, oft genug den Überraschungsmoment im Betrachten, wenn die Werke den Raum umformen oder aufbrechen, wenn sie Oberflächen erweitern durch mehrfache Additionen und durch Ergänzungen von Material in den Raum wachsen – oder nur zu wachsen scheinen. Und wie ein Leitmotiv zieht sich eine braun-grau-rosa 70er Jahre Tapete durch die Arbeiten und definiert einzelne Flächen zur Wand. 

Ellenrieder schafft so eine neue Realität, bedient sich in der Ausführung aus der Kunstgeschichte und schafft zwischen den Polen des radikalen Realismus einerseits und der illusionistischen Täuschung eines Trompe-l’œil auf der anderen Seite neue Kombinationen. Der profane Rohstoff ist da – und gleichzeitig wechselt er wie ein Chamäleon in verschiedene Existenzformen seiner Visualisierung. Fotografie, Malerei, Scan, Textur - ein munterer Switch zwischen dem „Echten“ und „Fake“ verschmelzen zu einem großen Vergnügen im Anschauen, das die Trägheit des Auges herausfordert.

Zumal die Schau völlig offen lässt, was „real“ und „echt“ bedeutet – und was imitiert ist: eine Fälschung oder Kopie? – das Irreale, eine Fiktion, Willkür? – liegt hier das Argument für oder gegen Kunst?

Aus Perspektive des puren Materials ist die Täuschung der gescannten Reproduktion ein Fake. Aber aus der Sicht des Kunstwerkes ist das ready made als blankes Material oder Objet trouvé nie ganz unverdächtig. Mit Wechsel und Variation von Medium, Material und Präsentation bewegt sich auch der Standpunkt des Betrachters und ermuntert zum Spaziergang durch unwegsames Gelände, zu verblüffenden Begegnungen.

Das Erwartete ist selten das Gefundene, das Wahre oft nicht das Echte und das Glück oft nicht die Erfüllung – wie nachts am Kiosk.
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Dr. phil. Tina Simon
Autorin und Publizistin, Leipzig

 

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