Rayk Goetze »Universum«
3. Mai—31. Mai 2014

SEI NEU    Von Hendrik Pupat 

Rayk Goetzes Bild »Universum« stieße bei Ptolemäus wie bei Galilei wohl gleichermaßen auf Verwunderung. Es ist weder geo- noch heliozentrisch. Im Mittelpunkt steht die Malerei selbst, in reduzierter Form, lustvoll, impulsiv. »Universum« zeigt eine bunte Anhäufung von Kreisflächen, knapp 100 an der Zahl, die meisten von einem kontrastfarbenen Ring umschlossen. Von oben nach unten deutet sich eine Entwicklung an: Die Kullern entspringen einer verwischten, milchigen Masse, toben nahe der Bildmitte wild durcheinander und finden sich unten in geordneter Reihung wieder. Allerdings wäre die umgekehrte Richtung ebenso vorstellbar: Die Kugeln steigen aus der fließbandartigen Ordnung auf, bis sie sich schließlich zersetzen – in eins kehren: unus versus.

Die Suche nach einer angemessenen Lesart führt zu alten Problemen: Kennen Bilder ein Vorher und ein Nachher? Wie viel darf der Betrachter hineinprojizieren? Wie viel muss er hineinprojizieren? Erzählt Malerei etwas? Geht es nicht primär um Kompositorisches, Zeichnung, Form, Farbe, Auftrag, Verlauf, Kontrast, Oberfläche? Der Bildtitel »Universum« sollte jedenfalls nicht überbewertet werden. Er war sicherlich nicht schon Programm einer leeren Leinwand, sondern fand erst zum Bild, als dieses fertig war. Dennoch determiniert er das Werk nun. Es wäre ein anderes, hieße es Eis-Esser, Luftballons, Moleküle oder Tribüne.

»Universum« ist zugleich Ausstellungstitel. Ein thematischer Faden lässt sich daraus weniger ableiten. Vielmehr bietet Rayk Goetze in seiner ersten Ausstellung in der Filipp Galerie einen exemplarischen Überblick über sein malerisches Welt-All. Porträt, Interieur und Landschaft sind Fixpunkte. Abstraktion trifft auf Konkretion. Der zähen, klumpigen, furchen- und tropfenbildenden Materialität der Farbe wird ebenso gehuldigt wie der Beschaffenheit der Leinwand, die bei Rayk Goetze selten frisch von der Rolle zu stammen scheint, sondern einen langwierigen Reifungsprozess durchlaufen muss und nicht bloß Träger, sondern Teil des Werks ist.

Wächter-, Engel-, Madonnen- oder Opfergestalten treten, gern isoliert, in den Bildmittelpunkt. Bedeutungsträchtige Gesten, Fingerzeige scheinen auf, ohne dass sie klar ausdeutbar wären. Faltenwürfe erfahren mitunter derart schwelgerische Aufmerksamkeit, dass die Träger der oft spirituell weißen Gewänder weitgehend verschwinden. Die Ausgangspunkte dieser Malerei sind vielfältig: Eigene Beobachtungen, Entdeckungen bei alten Meistern, massenmediale Bilder. Ein Bronzino-Porträt kann ebenso als »Quellcode« dienen wie ein Foto des muskelbepackten »Mister Universum«, mit freiem Oberkörper einen Schimmel reitend.

In der vom Künstler bevorzugten Schreibweise des Ausstellungstitels verbirgt sich ein Imperativ:
UNI
_
VER
_
SUM_
Von unten links nach oben rechts gelesen, ergibt sich »SEI«. In der mittleren Reihe von oben nach unten steht »NEU«. Sei neu! Das ist der kreative Imperativ schlechthin. Wobei der Kunstbetrieb zwar stets Neues fordert, zugleich jedoch Wiedererkennbarkeit und einen festen Standpunkt verlangt. Ein Spagat, das Rayk Goetze auf besondere Weise vertraut ist, ihm, der sich künstlerisch in der italienischen Renaissance [»Wiedergeburt«, Neu-Erfindung] beheimatet sieht, dessen Malerei aber zweifellos dem Heute zugewandt ist.

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Hendrik Pupat
Kulturjournalist
Photonews, Die Zeit, die tageszeitung,
Leipziger Volkszeitung, artnet, Westdeutsche Zeitung

Lebt und arbeitet in Leipzig 
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