Rayk Goetze: Über Mütter
6. April—11. Mai 2019

Über Mütter
Es ist ein Höchstmaß an Malerei, das mit Öl und Acryl auf Leinwand aufgeführt wird. Und es ist ihr Kerngeschäft: Gedanken in Vorstellbares zu transformieren und dafür bildliche Äquivalente zu finden. Rayk Goetze schafft dafür künstliche Welten, farbgewaltig und mit außerordentlicher Formfreiheit, mit seltsamen figürlichen Konstellationen und irregulären Räumen. Als souveräner Regent zwischen Himmel und Hölle ruft Goetze seine Protagonisten auf und behauptet ihre Existenz: es sind moderne Madonnengestalten frei übersetzt und eingepasst in ein bizarres Elysium.

»Diptych I« präsentiert Maria zwischen zwei Diesseits-Heiligen in Tradition der sacra conversazione, sie trägt den Heiligenschein aus rosa Kugeln, ist tief dekolletiert und hält ein Kind in Hebammenmanier kopfüber reglos hängend an den Füßen – als Jesuskind erkennbar am rückseitigen branding – und wartet verstörend gleichgültig auf ein Zeichen.

Nicht weniger aufreizend bietet sich die Madonna in sixtinischem Blau-Rot in »Marieenstudio« an. Übergroß, fleischlich, sinnlich, ätherisch und ganz Blondine posiert sie am Set. Scheinbar beiläufig sind ihr das Kind und in der anderen Hand eine übergroße Schere beigegeben. »Schlimm, Schlimm« kommentiert hier der Chor. In »Wucht« sitzt unter Goldregen und Lautenklang eine weitere Madonna. Mit stillem Ernst und in Stilettos holt sie zum strafenden Schlag aus – jedoch liegt auf ihrem Knie statt des Knaben nur dessen papierne Abbildung; ein Knabentorso mit gerötetem Hinterteil.

Goetzes Madonnen stehen in der modernen Traditionsreihe mit der züchtigenden Jungfrau von Max Ernst [1926], mit Paul Gaugin »La orana Maria – Je vous salue Marie« [1895], mit Otto Müllers »Zigeuner-Madonna« [1926] und anderen, die auf ihre Weise ebenso das Sakrale befragen und dabei dieses Instrument neu stimmen und unter variierten Vorzeichen zum Einsatz bringen. Die Sehnsucht danach ist spürbar und so sind in der Kunst Rayk Goetzes diese Versuche keine Zerschmetterung der Götter, sondern eher die Verletzung tradierter Ikonographie mit der Zuversicht seiner tapferen Akteure auf das Gelingen.

Goetzes Übermütter-Marien sind selbstbewusst – und abgeklärt. Die Hingabe der modernen Marien gilt einem Ego, das sich auch der Attribute des Camp bedient und das Übertriebene, fast vulgär Exzentrische der Mutterschaft herausstellt. Sie erinnern in ihrem Ausdruck an Arthur Rimbaud, Georges Bataille oder an die anatomischen Eigenmächtigkeiten von Hans Bellmer. Mit den technologisch gesteigerten Gesten und stilisierten Körperformen assoziieren die Marienfiguren Goetzes auch die Cyborg-Frau, ähnlich den Animes zu »Ghost in the Shell« in der Darstellung von Masanori Ōta. An einigen noch gesteigerten Beispielen sind sie denkbar als Fembot.

Die Ideencollagen aus episoden- und sprunghaft addierten Bildsequenzen sind kaum kohärent. Sie vermeiden Aufklärungen und profankausale Begründungen. Hier die Verbindungen der verborgenen Zusammenhänge herzustellen ist der Seh- und Denkleistung des Betrachters aufgetragen. In der großen Sub-Erzählung geht es um Vertrauen, Trost, Macht und Übermacht. Dem Zeichen wird die Bedeutung des Handelns zugeschrieben und das Wissen um Endlichkeit und Ewigkeit ist evident. In ihrer wiedererkennbaren Stilistik erweisen sich die fabelhaften Schöpfungsakte auf Leinwand zusammengehörig und bezeugen die Vitalität dieser Malerei.   
—Von Tina Simon

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Dr. phil. Tina Simon 
Autorin und Publizistin, Leipzig 

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