f/stop Komplize
Sebastian Gögel:
Fantastic Realism Vol.1
23. Juni—14. Juli 2018

Sebastian Gögel ist ein Voyeur des Allzumenschlichen. Die Fotografien der aktuellen Schau dokumentieren nicht die inszenierte Erhabenheit, sondern die aufblitzenden Wahrhaftigkeiten im Hier und Jetzt. Gögel, dessen Werk Skulptur, Malerei, Zeichnung und Installation umfasst, sammelt mit der Kamera die großen und kleinen Offenbarungen vom Zustand des Mensch-Seins und lässt darin die Gesänge und Abgesänge von Glück, Verlorenheit und Hoffnung anklingen.  

Es sind Momente der Blitzöffnung zur Psyche. »Fantastic Realism Vol.1« nennt Gögel diese beseelten Augenblicke mit den zutiefst menschlichen Dimensionen. Eigentlich ist der Phantastische Realismus Genre der Malerei. Das Einbrechen des Magischen in die greifbare Umgebungsrealität, surreal, visionär, überirdisch, mit virtuosen Stilisierungen und symbolistischer Künstlichkeit ist jedoch das Gegenteil von Gögels Ansatz.  

Das phantastische Gegenwelt-Attribut der gemalten Schöpfungen ist der Analog-Fotografie fremd und die bewusste Herstellung ästhetischer Vollkommenheit ist nicht Gögels Anliegen. Seine Bilder haben einen anderen Zugriff auf das Phantastische. Mit der Fotografie verzichtet er auf seine ureigenen Ausdrucksmittel; etwa das Absurde, das Kubistische und die dominante Formsprache aus Schwung, Farbkörper und Kontur, verzichtet auf gestalterischen Aufwand und verlässt sich auf nichts weniger als seine Intuition, Welterfahrung und Menschenkenntnis und zeigt mit dem Objektiv wie mit dem Zeigefinger auf zufällige Momente sich alltäglich offenbarender Magie.  

Er findet sie im Aufeinandertreffen von Sinn und Sinnlichkeit, Glück und Melancholie, Chaos und Eleganz, Trivialität und Ästhetik. Er entdeckt den Verwandlungs-Zauber im unaufgeräumten Alltag, oft in der unschuldigen Direktheit kindlicher Selbstlosigkeit und auch in schonungsloser seelischer Blöße. Viel Indiskretion liegt in den Aufnahmen, sie nehmen niemanden in Schutz. Es gibt keine bemühten Posen, sondern Klarheit, keine mutwilligen Inszenierungen, dafür viel Direktheit.  

Die Motive sind heterogen. Straßen und Hofansichten, Spielplätze, Stadtränder und vergessene Verborgenheiten wie Living Station, Casablanca und Off Space oder Vorhof - der geborgte, in Gips und Beton übersetzte antike Stolz falsch zitierter, dekorativer Herrlichkeit - dokumentieren die Schwermut hinter den Kulissen der Hochglanzgesellschaft. Auch die Porträts The Candleman, Burning Heart oder Schneewittchen erzählen traurigschöne Geschichten vom Jetztleben. Zusammengefasst in der Melancholie von Fenster pendeln sie zwischen Neugier und Gleichgültigkeit, der Gier, etwas Großes zu erleben und der vorweggenommenen Enttäuschung, zu spät oder zu früh oder ausgeschlossen zu sein.  

Gögel hat keinen Masterplan. Er ist Diener der Zufälle, die ihm der suchende Blick aus den Myriaden von Bildern vorschlägt. In der Schau »Fantastic Realism Vol.1« entsteht ein Panorama aus den Details, die das Leben im Inneren zusammenhalten. Die Schönheit in der Unsicherheit, die Unschuld im Trostlosen, die Hoffnung im Verfall, Tod, Vergangenheit, Einsamkeit, Geborgenheit – es sind magische Elemente als soziale Kernpunkte. Die Frage, wie der Mensch funktioniert, beantwortet Gögel in seiner distanzlosen Erzählweise in vielen kleinen Kapiteln. Und es gelingt ihm dabei unversehens eine Nahaufnahme; der Status Quo der menschlichen Kultur, ohne Pathos, mit Empathie.
—Von Tina Simon 

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Dr. phil. Tina Simon
Autorin und Publizistin, Leipzig 

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