Das Fest
Präsident Obama lud am vergangenen Freitag zum Jazz ein, und alle Weltstars kamen. Ein Besuch im Weißen Haus.


Von Peter Kümmel, Die Zeit, 04. Mai 2016 - 15:00 Uhr

Alternative Geschichtsschreibung gilt unter ernsthaften Historikern als eine milde, gutartige Form des Wahnsinns. Der alternative Historiker befasst sich beispielsweise mit der Frage, wie die Geschichte gelaufen wäre, wenn Hitler ein stiller Kunstmaler in Wien und nicht der brüllende Diktator in Berlin geworden wäre. Oder er denkt darüber nach, was geschehen wäre, wenn Kennedy im geschlossenen Wagen durch Dallas gefahren und nicht erschossen worden wäre. Ein geheimer Held der alternativen Historiker ist der Afroamerikaner Dizzy Gillespie, Menschenfreund und genialer Musiker, feinsinniger Kämpfer gegen den Rassenhass und einer der Heiligen des Jazz. Im Jahr 1964 bewarb sich Dizzy um das Amt des amerikanischen Präsidenten, mehr spaßeshalber, damit das Kandidatenfeld, darunter Lyndon B. Johnson und Barry Goldwater, ein wenig aufgemischt werde. Seiner Kampagne ging rasch das Geld aus, und so blieb Dizzy einer der größten Künstler Amerikas und wurde nicht Weltherrscher, aber es ist atemberaubend, sich vorzustellen, was aus Amerika geworden wäre, wenn er es ins Weiße Haus geschafft hätte. Er hatte beispielsweise vor, unverzüglich die amerikanischen Truppen aus Vietnam abzuziehen. Max Roach, der Schlagzeuger, war als sein Verteidigungsminister angefragt, Duke Ellington, der Grandseigneur unter den Bandleadern, wäre Außenminister geworden, und der finstere Schmelzmeister aller musikalischen Gattungen, der Trompeter Miles Davis, hätte die CIA neu strukturiert.

An diesem Punkt kommt Barack Obama ins Spiel. Vergangenen Freitag verneigte er sich vor Dizzy. Der amerikanische Präsident lud ins Weiße Haus zu einem der größten Jazzkonzerte, welches die Welt seit Langem gesehen hat. Und der erste Mann, den er in seiner Rede erwähnte, war der schwarze Präsidentschaftskandidat von 64. "Dizzy", so Obama, "wollte das Weiße Haus in das Blues House verwandeln." Es klang so, als wollte Obama sagen: Vermutlich wären die Dinge dann besser gelaufen; versuchen wir, seine Vision einen Abend lang zu verwirklichen.

Während Obama spricht, dämmert dem Berichterstatter, der heute als einer von 500 Gästen im Weißen Haus umherspaziert, dass Dizzy Gillespie ein echtes Vorbild Obamas sein könnte: Jene Mischung aus Eleganz und Witz, zu der Obama in der Lage ist, hat Dizzy verkörpert. Die Fähigkeit, Formen zu beherrschen, ohne ihnen zu erliegen, seine Neigung, Macht so zu repräsentieren, dass ein wenig Belustigung über den Rand der Konvention hinausmoussiert – all das ist pure Dizzy-Schule. Obama regiert ja, als wolle er nicht dabei ertappt werden, die Sache mit der Macht zu ernst und zu persönlich zu nehmen, mit ein paar synkopischen, eckigen Bewegungen hat er die Hebel bewegt – und das ist ungefähr so, wie Dizzy Musik gemacht hat; er hat es auf der Bühne immer geschafft, die Zwänge des Rhythmus zu erfüllen und zugleich zu unterlaufen – als mache er sich über das Marschmäßige, das Gleichschaltende des Rhythmus lustig.

Obama öffnet an diesem Abend das Weiße Haus dem Jazz, um den World Day of Jazz zu feiern, und das ist mehr als eine Gefälligkeit zu Ehren des Organisators dieses Festes, des großen Jazzmusikers Herbie Hancock. Es ist eins der stärksten kulturellen Zeichen, die Obama in seiner Amtszeit gesetzt hat.

Der Jazz, sagt er jetzt auf der Bühne, sei Amerikas ureigener Beitrag zur Weltkultur, eine Kunstform, die den nackten Künstler verlange, der auf die Bühne gehe mit nichts als dem Vorsatz zur Improvisation, zur Erschaffung des Unwiederholbaren, und im Grunde sei die amerikanische Nation selbst nichts anderes als eine dauernde große Improvisation. Er selbst, sagt Obama, sei 1971 von seinem Vater, den er kaum gekannt habe, zum ersten Jazzkonzert mitgenommen worden, es spielte die Dave Brubeck Band, "and I got hooked": Von da an war er am Haken, ein Mann des Jazz.

Nun muss geklärt werden, wie der Berichterstatter der ZEIT in dieses Konzert gekommen ist. Der famose deutsche Trompeter Till Brönner ist der einzige Deutsche in diesem fantastischen Allstar-Ensemble, und er hat uns einen Platz im Weißen Haus besorgt.

In den nächsten zweieinhalb Stunden spielen folgende Musiker zusammen: Joey Alexander, Brian Blade, Dee Dee Bridgewater, Till Brönner, Chick Corea, Jamie Cullum, Paquito D’Rivera, Kurt Elling, Aretha Franklin, Robert Glasper, Buddy Guy, Herbi Hancock, Al Jarreau, Diana Krall, Lionel Loueke, Hugh Masekela, Christian McBride, John McLaughlin, Pat Metheny, Marcus Miller, Danilo Perez, Dianne Reeves, Lee Ritenour, Kendrick Scott, Wayne Shorter, Esperanza Spalding, Sting, Trombone Shorty, Chucho Valdes. Und der Schauspieler Morgan Freeman, Hollywoods bevorzugter Leinwandpräsident dieser Jahre, führt durch den Abend.

Es ist eines der Ereignisse, bei denen von einem "Vermächtnis" gesprochen werden kann. Amerika, eine Improvisation? Der Abend ist eine einzige rauschende, symbolische Einlösung des Satzes "Yes we can".Eine "good old-fashioned jam session", so Morgan Freeman, werde man jetzt erleben, vollführt von einem "Once-in-a-lifetime orchestra", und bei Gott, das ist dieses Konzert. Dass eine ganze Nation wie eine hellhörige Jamsession mit auswärtigen Gästen sein könnte – für zweieinhalb Stunden konnte man es glauben.

Allerdings, vor den Rausch haben die Bürokraten die Sicherheit gesetzt. Wie kommt man hinein ins Weiße Haus? Das Gelände ist eine Burg mit mindestens drei Burggräben. Man muss durch einen Parcours von Sicherheitsschleusen, den man so ähnlich beim Eintritt in die Grüne Zone von Bagdad oder in das Isaf-Hauptquartier von Kabul zu erwarten hätte, und unter einem Schreibtisch hechelt der diensthabende Sprengstoffhund. So dringt man ins Weiße Haus vor, als kämpfe man sich in einem Abflussrohr in der falschen Richtung voran.

Erst wenn man diesen von Furchtsamkeit verengten Schließmuskel der Macht passiert hat, öffnet sich die Pracht der Weltherrschaft. Man geht noch hundert Meter unter freiem Himmel, betritt den östlichen Flügel des Weißen Hauses. Und plötzlich fängt das Tageslicht sich in matt spiegelnden Holzpaneelen und Ölgemälden: Wir sind angekommen. 19. Jahrhundert. Es ist nun so, als wäre man auf einem riesigen Schiff, welches seit Langem alle Weltmeere befährt. Der Admiral ist noch im Kartenraum, aber gleich wird er sich zu uns gesellen. Wir sind im Weißen Haus, nichts Schlimmes kann uns mehr zustoßen.

Zwei Stunden vor dem Konzert wird das Volk schon in den Palast gelassen. Nahezu alle, die einem begegnen, sieht man im Selfie-Modus durch die Korridore gleiten, unter Kristalllüstern dahinfliegen, vor Kaminen wandeln – Handys vor dem Gesicht, glücklich sich selbst betrachtend. Wir sind im Mittelpunkt der Welt, einem mit Hubschraubern erreichbaren Versailles, das von Jazz schon jetzt vibriert – überall in den Sälen und Korridoren spielen kleine Bands. Schwarzes und weißes Establishment wälzt sich durch die Flure, und man muss sagen: Die Schwarzen sind wesentlich besser gekleidet.

Während man durchs Weiße Haus geht, erwandert man Geheimnisse. Die Besuchertoilette etwa befindet sich hinter der Bibliothek, die Garderobe dagegen im hauseigenen Kino.

Nach zwei Stunden ziehen, berauscht von Wein und lärmendem amerikanischem Small Talk (kehliges Männergebell, schriller Frauenbegrüßungsjubel), alle weiter, hinaus in den Garten, wo ein riesiges Zelt aufgebaut wurde auf der "South Lawn". Die Wand hinter der Bühne ist transparent, und hinter den Musikern sieht man die Balustraden des Weißen Hauses aufragen.

Eintritt ins Zelt: Man passiert zwei simple Klappstühle, auf denen Zettel liegen mit der Aufschrift "The President" und "Mrs. Michelle Obama", davor stehen zwei kleine Plastikflaschen mit Wasser. Zehn Minuten später nehmen die beiden hier Platz.

Das Ganze ist die prachtvollste Feier von Vielfalt, Eigenart, Stolz und Kollektivgeist, die man sich denken kann: Alle erdenklichen Stile, Altersklassen, Rassen werden verschmolzen, Schwarz und Weiß, Blues, Soul, Bebop, afrokubanische Rhythmen, Bossa Nova, Free Jazz und Hip-Hop. Eine Karawane von legendären und ganz jungen Musikern zieht vorbei, der 13-jährige Wunderpianist Joey Alexander spielt mit dem 82-jährigen Saxofonisten Wayne Shorter, Till Brönner, der von den Weltstars respektierte, ihnen ebenbürtige Deutsche, spielt mit dem Südafrikaner Hugh Masekela, dem Briten Jamie Cullum, der Sängerin Dee Dee Bridgewater, dem Gitarristen Lee Ritenour. Es gibt ein  Tribute für den verstorbenen Prince, das von Aretha Franklin angeführt wird, und die Schauspielerin Helen Mirren kündigt ein Zusammenspiel von Sting, Herbie Hancock, Pat Metheny an, welches so sicher nie wieder zu hören sein wird. Leute jammen einträchtig miteinander, die das sonst eher nicht tun, weil sie allzu ähnliche Reiche regieren: die Pianisten Chick Corea und Herbie Hancock etwa oder die Großgitarristen John McLaughlin und Pat Metheny. Zum Finale singen Dee Dee Bridgewater, Al Jarreau, Diana Krall, Esperanza Spalding, Jamie Cullum, Dianne Reeves und Sting Imagine von John Lennon.

Im Hintergrund der Bühne ragt empor: das tropengewitterhaft beleuchtete Weiße Haus, so blendend, als sei ein Blitzschlag dran haften geblieben. Jedes Stück, das hier gespielt wird, wäre der würdige Höhepunkt eines eigenen Konzerts, aber schon huschen die Musiker wieder von der Bühne. Es ist eine Geste des Reichtums, der Verschwendung, all diese Superstars für einen oder zwei Auftritte nach Washington fliegen zu lassen. Sie ordnen sich dem großen Ganzen unter: Auch so gesehen ist das ein historischer Abend.

Denn es beginnt ja schon längst die Ausschmückung von Obamas acht Präsidentenjahren mit verklärendem Material, und sicherlich gehört auch dieser Abend zur Brokat-Phase der Herrschaft. Dennoch ist das Konzert ein kaum wieder erreichbarer Jazzmoment, vergleichbar mit dem "Great Day in Harlem" von 1958. Damals versammelten sich 57 der besten Jazzmusiker auf einer Treppe vor einem brownstone house in Harlem zu einem Gruppenbild, das eben unter diesem Namen berühmt wurde. Man könnte nun sagen: Das Konzert im Weißen Haus ist der "Great Day in Washington". Und natürlich ist es ein flüchtiger Tag. Aretha Franklin, die schon zu Obamas Amtseinführung 2008 sang, sagt an diesem Abend: "I’ll hate to see you go."

Tatsächlich: Was kommt nun? Viele solche Momente wird es im Weißen Haus nicht mehr geben. Bei allem Pomp, bei aller Füllhornhaftigkeit, die oberste Regieanweisung des Abends lautet: ab. Bald ist er weg, Dizzy Gillespies Lehrling.

Am Tag nach dem großen Konzert erfolgte gleich noch etwas Historisches: Der allererste Jazz-Präsident Amerikas war ein letztes Mal Gastgeber des White House Correspondents’ Dinner. Das Riesenfest für die ausländische Presse war stets die liebste Bühne des Stand-up-Comedians und genauen Menschenbeobachters, der Obama ja auch ist. Dieses Mal endet seine Rede ohne Pointe, stattdessen mit einer Geste. Die letzte Nachricht, die er zu überbringen habe, so sagt er, laute: "Obama out." Dann versiegelt er seine Lippen mit zwei Fingern, hebt sein Mikrofon in die Höhe – und lässt es zu Boden fallen. Als wolle er sagen: Vergesst nicht, da unten ist der Mittelpunkt der Erde; und der zerrt an uns, so lange, bis er uns alle kriegt.
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