Anamaria Avram: Stille
3 November—15 December 2018

In einer Serie von Selbstporträts begegnet dem Betrachter die Künstlerin Anamaria Avram selbst, eingefasst in eine klare, zum Teil strenge Formensprache. Ikonenhaft steht sie da in einer Reihung, meist kontemplativ und mit abgewendetem Blick: lesend, suchend, gelegentlich aus dem Bildrand hinaus schauend. Nur selten gibt Avram die Frontale als Ansicht auf, etwa um sich im Dreiviertel- oder Seitenprofil zu präsentieren. Das Motiv einer Frau mit Kaffeetasse erscheint wiederholt in je neuer Inszenierung, die sich bedient an Stilen und Bildsprachen des kunsthistorischen Kanons.

Doch bei bloßen Zitaten belässt die Künstlerin es nicht, sie verfremdet und entrückt die ausstaffierten Interieurs und Zitate von Bildtraditionen mit flächigen Bildteilen. Abstrahierende Texturen öffnen die auf den ersten Blick mit Zeichen und Symbolen in vermeintlicher Deutlichkeit aufgeladenen Bilder. Avrams Formsprache changiert plötzlich zwischen realistischer Darstellung von Figur und Detail und den flächigen Auslassungen, die geprägt sind von starker Monochromie oder von zuweilen spröde anmutender Textur. Mal stützen diese brüchig-spröden Farbtexturen mit ihrer Retro-Wirkung die Historisierung, ein anderes Mal lösen die Flächen sie auf, immer erzeugen sie eine Stimmung, die fast in ein kosmisch Abstraktes transportieren möchte. 

Avrams Spiel mit Zitat, Zeichen und Bild-/Symbolik in zeitgenössischer Neuinterpretation und eigenem Duktus setzt sie in Serien von Memento Mori und Stillleben fort. Tote Vögel, Kuben aus Basalt, schwarze Katzen und das ritualhafte oder alltägliche Falten großer Papierflieger, und immer wieder sind es Frauen, die als Akteure auftreten; Anamaria Avrams magischer Realismus erscheint wie visuelle postmoderne Essays, in denen sie sich Zugriffe auf verschiedene Themen wagt, wie der Frage des Selbst und Selbstverortung, Herkunft und Ankunft, Wirklichkeit und die Befragung von Medien, Weiblichkeit und Geschichte, Tradition, Glaube und Moderne, Kontrolle und Schicksal, und schließlich der Poiesis selbst.

Doch obgleich die leicht identifizierbaren Bildelemente ihrer Ikonographie und ihre Formensprache eine Vielzahl von Interpretationsangeboten machen, halten ihre Werke eine gewisse Offenheit zurück. Wir finden uns wieder in Deutungs- und Auslegungsversuchen wie die Figur im Bild, die ihrerseits im abstrakten Bild des Kaffeesatzes nach Antworten, Wahrheit oder Souveränität und der Lösung der Fragestellung sucht. 
—Von Philipp Anders

Anamaria Avram, *1978 in Constanta, RO, lebt und arbeitet in Leipzig. Avram studierte Bildende Kunst an der National Art University in Bukarest und absolvierte später ein PhD-Programm an der George Enescu Arts University Jassy. 2015 kam Avram zunächst als Residenzkünstlerin des LIA-Programms nach Leipzig. Seit 2014 stellt sie ihre Arbeiten regelmäßig im In- und Ausland aus.  
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