Sebastian Hosu – Josef Filipp Galerie

Sebastian Hosu

Green Meat. Der Ausstellungstitel Green Meat [Grünes Fleisch] von Sebastian Hosus erster institutioneller Einzelausstellung im Museum der bildenden Künste Leipzig klingt wie ein Widerspruch in sich. Dabei könnte es sich, negativ konnotiert, um vergammeltes Fleisch oder, positiv konnotiert, um vegetarischen Fleischersatz handeln. Wie auch immer die Entscheidung fallen mag, es ist eine sympathische und zugleich interessante Dichotomie, die auf die Wesensmerkmale in der Bildersprache von Hosu anspielt: Landschaft und Körper.

Der Schauplatz von Hosus Gemälden und Zeichnungen ist die Natur, wobei mit Natur urbane Freizeiträume, wie Spielplätze, Parkanlagen oder Freibäder, gemeint sein könnten. Die darin agierenden Figuren rekrutiert Hosu zum Teil aus privaten Familienfotografien. Ihre künstlerische Übertragung ist jedoch nicht vollständig. Sie nähern sich den ins Abstrakt auslaufenden Bildräumen an, bis sie unauflösbare Verbindungen in den Medien Malerei und Zeichnung eingehen. Die formsprengenden Bewegungen des Pinsels und die formauflösende Kreide-Wischtechnik sind dabei präsente Stilmerkmale. Was dann noch an Erkennbarem von den fotografischen Vorlagen übrigbleibt, sind rätselhafte Körperfragmente.

Dabei kann es vorkommen, dass ein und dieselbe Figur in mehreren Bildern dargestellt wird. Insbesondere ist es die an einen Tau ziehenden Sportler erinnernde Körperhaltung, mit der sich Hosu intensiv auseinandersetzt. Diese Ponderation wird in unterschiedlichen Abstraktionsgraden gleich mehrmals in den Werkserien Outscape und Playground verhandelt.

Die fotografische Vorlage dürfte eine weit in der Vergangenheit liegende Sportveranstaltung sein. Doch diesen Bildspeicher, der die familiäre Erinnerung an dieses Erlebnis wach halten soll, zerstört Hosu in seinen Werken. Es geht
ihm nicht um die subjektive Nacherzählung eines Erlebnisses mit bildnerischen Mitteln, sondern um
die vom anekdotischen Potential befreiten Wesensmerkmale des menschlichen Körpers in der Natur.
Die Erinnerung verblasst, die Fotografie vergilbt, so wie das Fleisch mit der Zeit grün wird.
Oder sind wir etwa alle Vegetarier?
Von Marcus Andrew Hurttig
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Dr. Marcus Andrew Hurttig ist in Hamburg 1974 geboren.
Der Kunsthistoriker ist Autor und Herausgeber von Publikationen
und hat zahlreiche Texte zur Kunst verfasst. Seit 2011 ist er Kurator
am Museum der bildenden Künste in Leipzig.
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