Rosi Steinbach

Heimat jetzt auch in 3D
LVZ, 13.04.2012 · Rosi Steinbach formt sich und uns ein Bild des kulturellen Biotops
– zu sehen in der Filipp Rosbach Galerie auf dem Spinnereigelände

Die geschossenen Böcke könnten in jeder urigen Kneipe eines Vereinsheimes hängen. Dass die Spezies in unseren Wäldern nicht vorkommt, wird kaum jemand merken. Eher schon, dass die Trophäen aus Ton geformt wurden. Aber Keramik hat ja immer einen Hauch von Kunstgewerbe, ist also bodenhaftend. Somit kommt der Titel »Kunst und Heimat« der aktuellen Ausstellung der Filipp Rosbach Galerie im Spinnereigelände gut hin. Kultur für alle.

Doch Rosi Steinbach, Jahrgang 1957 und als Künstlerin Spätstarter hat es schon zu musealer Aufsockelung gebracht. Nicht im Schrebergarten-Museum, sondern im Grassi. Im frischen Teil der Dauerausstellung steht die von ihr geschaffene Büste »Sebastian«, mit Nachnamen Gögel, in gleichwertiger Reihung mit einer Arbeit Rodins.

Weitere Kollegen und noch wichtigere Sammler sind im Regal aufgereiht wie in einem Bestiarium älteren Typs. Da sie mit stinknormalen Leuten aus dem persönlichen Umfeld der Künstlerin, sogenannte Leipzig Citizens, vermischt wurden und auch nicht die typischen Insignien ihres Berufsstandes tragen, erkennt man sie nicht gleich als solche. Paule Hammer zum Beispiel, nackter Oberkörper, voll tätowiert. Oder Uwe-Karsten Günther, Betreiber einer benachbarten Galerie, Meister-Proper-Frisur, schwarze Lederjacke. Der Fotograf Thomas Steinert wurde sogar an der Wand gegenüber wie ein Jagderfolg in unangreifbarer Höhe aufgehängt, ein vertrockneter Frosch in unmittelbarer Nähe. Die Künstlerin muss ihn wohl gut kennen, um sich das erlauben zu dürfen.

Deutlicher wird die respektable Distanz bei der Serie mit dem eindeutigen Titel »Heroes« trotz des reduzierten Formats. Jonathan Meese, Neo Rauch, Daniel Richter, Helden des gegenwärtigen Kunstbetriebes, haben geologisch anmutende Stützkörper untergeschoben bekommen, um nicht in der Luft zu hängen.

Rosi Steinbach modelliert ihre vollplastischen Keramiken mit beachtlicher Präzision, ohne ganz im Naturalismus aufzugehen. Die Bemalung in kräftigen Farben arbeitet Kleidung, Frisur oder eben auch Tattoos heraus und sorgt dafür, dass die Büsten ganz gegenwärtig wirken und nicht mit ähnlich angelegten Werken früherer Jahrhunderte verwechselt werden können.

In einem Zyklus schlägt sie aber einen gewaltigen historischen Bogen. Von Agamemnon, dem mykenischen Herrscher, geht es bis zu Darth Vader, dem ebenso mythischen Helden eines kommenden Jahrhunderts. Die beiden bekommen Gesellschaft durch Masken der Ticuna-Indianer, des Occupy-Ahnen Guy Fawkes sowie eines alpenländischen gehörnten Wesens. Alle fünf Keramiken sind vergoldet und wirken somit nicht nur würdevoll, sondern zugleich zeitübergreifend homogen, und dabei doch sehr verschieden.

Der schillernde, ambivalente Begriff Heimat, verehrt und negiert, hat zweifellos sehr viel mit dem Blickwinkel zu tun. Rosi Steinbach schafft es, mit Mitteln, die sich durchaus für gemütsseligen Trash eignen, eine eigenwillig kühle, und dennoch vertraute Atmosphäre zu erzeugen.
—Von Jens Kassner

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Dr. Jens Kassner
Diplom Politikwissenschaftler
Promotion in Kunstgeschichte
Autor, Redakteur, Kulturmanager
Lebt und arbeitet in Leipzig


 

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